Titoli Definizione

Hugo von Hofmannsthal

Aus: Buch der Freunde (1921)


Der gewöhnliche Erzähler erzählt, wie etwas beiläufig geschehen könnte. Der gute Erzähler läßt etwas vor unseren Augen wie gegenwärtig geschehen. Der Meister erzählt, als geschähe etwas längst Geschehenes aufs neue.

Flaubert ist ein sehr bedeutender Autor. Vergleicht man ihn aber mit Goethe oder mit Dostojewski, so erscheint die Ironie als ein zu sehr vorwaltendes Element seiner Poesie.

Französische Prosa auf ihrer höchsten Stufe ist im Geistigen sinnlicher und im Sinnlichen geistiger, als die deutsche auf ihrer gegenwärtigen Stufe.

Der gute Geschmack ist die Fähigkeit, fortwährend der Übertreibung entgegenzuwirken.

Lessingsche Figuren geben in der Delikatesse bis zur Grobheit, das ist das Deutsche an ihnen. Fine Figur wie Valrnont (in den Liaisons dangereuses) geht im Niederträchtigen bis zur Delikatesse, das ist Französisch.

Goldoni: dichterische Hand, aber Eingeweide eines Philisters.

Die Leute, die nicht schreiben, haben einen Vorzug: sie kompromittieren sich nicht.
            Goethe

Sollte ich zwei Bücher nennen, die, ohne der hohen Poesie anzugehören, eine wahre Unerschöpflichkeit des menschlichen Gehaltes aufweisen, so würde ich sagen: La Bruyères Caractères und Goethes Autobiographie. Ein drittes wäre der Samuel Johnson von Boswell.

Un auteur est un bomme qui trouve dans des livres tout ce qui lui trotte par la téte. Alte Vorrede zum Gil Blas In Wielands geistigem Leben in der ersten idealen Phase ist viel Hölderlinsches, in der zweiten humoristischen Phase viel Jean Paulsches.

Gewaltsames Fortziehen der Verhältnisse zu einer Handlung, mit deren Gedanken man sich bloß zu spielen erlaubt hatte —(H. v. KleistsBrief an W.v.Zenge 14.4. 1801) ist die unwillkürlich selbstkritische Formel, die auf Kleists eigenes Verbal— ten und auf das aller seiner Figuren zielt.

Dichten — feindre — to feign.

Das jetzige Ausmalen von Dichter— und Künstlerleben bat eine sehr ungesunde Quelle; besser man begnüge sich mit den Werken, worin z. B. Gluck den Eindruck der Größe und des ruhigen Stolzes, Haydn den des Glücks und der Herzensgüte macht.
            Jacob Burckhardt

Jede Hingabe ans Deskriptive führt zur Übertreibung.

Goethe ist oder sollte sein der geometrische Ort für den Deutschen zur Welt, nicht cm Standpunkt, aber cm Punkt, auf den bezogen andere Punkte Figuren werden.
            Rudolf Pannwitz

Franzosen bringt die Phraseologie des „Wilhelm Meister“ zur Verzweiflung. Sie finden sie künstlich und gemacht bis zur Unerträglichkeit.

Ein Buch wie das zweibändige Leben Winckelmanns von Justi ist darum merkwürdig, weil es vortrefflich ist.

Lebt man beständig in einer Welt, die stumpf für die Sprache und durch das Wort kaum zu erschüttern ist, so gerät man um so mehr in Gefahr, durch Ausgesprochenes die Einzelnen zu verletzen und sich durch Reden der Verkennung auszusetzen.

Die Anspielung ist eine niedrige rhetorische Form, welche in der höheren Rede darum nicht stattfinden kann, weil diese durch und durch Anspielung auf Unmittelbares ist.

In Gottfried Keller ist ein beständiger Gebrauch der anmutigen Ironie, der schließlich ungeduldig macht.

Kann uns eine Komödie schmackhaft sein ohne einen Hauch von Mystizismus?

Von denen, die wirklich ihr Schicksal zur Schauspielerei gedrängt hat, sind die heroischen und tragischen Schauspieler auf der Flucht vor dem Ich, die komischen auf der Flucht vor der Welt.

Vorzug der französischen Sprache, daf3 sie von den sinnlichen Abstraktis ungezwungen den Plural bilden kann: les fatigues, les vides, les noirs.

Der Dialekt erlaubt keine eigene Sprache, aber eine eigene Stimme.

Das Determinierende an Hebbel, daß er zu wenig von dem hatte, was die Griechen aidos nannten. Beim Dichter liegt dies in der Sprache. Das Verhältnis zur Sprache ist angeboren. Hebbel und Sophokles, polare Gegensätze.

Claudel über den Stil von Baudelaire: C’est un extraordinaire mélange du style racinien et du style journaliste de son temps.

Es ist sehr bedeutungsvoll, daß wir kein Wort aufbringen für sobre im lobenden Sinn, ein Wort, das in der Ästhetik der Franzosen immer wiederkehrt und mit dem größten Gewicht; mit „nüchtern“ verbindet der Deutsche seltsamerweise keinen angenehmen Sinn. — Auf Grund dieser Armut im Sprachgebrauch konnte dann freilich das Exzentrische, Einmalige erblühen, wie die wunderbare Wortverbindung „heilig-nüchtern“ bei Hölderlin.

Nur der das Zarteste schafft, kann das Stärkste schaffen.

Böeklin ist Poussin, vergröbert und sentimentalisiert.

Goethes Bedeutung für die deutsche Literatur ist freilich ungeheuer; hat er aber eine ähnliche oder überhaupt irgendwelche Bedeutung für das gegenwärtige deutsche Volk? Wer getraut sich zu antworten? Die Franzosen sind ein Volk, das unter seinem geistigen Reiter dahingeht und dem sanften Zügeldruck folgt — oder es nimmt einmal die Zügel zwischen die Kinnladen und geht durch; das deutsche geht hinterm Zügel, und man weiß nicht, ob überhaupt ein Reiter im Sattel sitzt.

Das Genie bringt Übereinstimmung hervor zwischen der Welt, in der es lebt, und der Welt, die in ihm lebt.

***

Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.

Aufmerksamkeit und Liebe bedingen einander wechselseitig.

In Hinsicht auf den Begriff >Erfahrung< gibt es zwei unangenehme Sorten von Leuten: die, denen Erfahrung mangelt, und die, welche sich auf ihre Erfahrung zu viel zugute tun.

Die Macht ist bei den Fröhlichen.

Der Mensch ist begierig nach vorgestellten Erlebnissen, aber er weigert sich, seine gehabten Erlebnisse zu erkennen.

Der gute Geschmack ist die Fähigkeit, gegen Übertreibung zu wirken.

Die Jugend ist so stark, als sie sich ahnt, und zugleich so zart und schwach, als sie sich gebärdet; das ist das Zweideutige an ihr und das Dämonische.

In der Gestalt erst ist das Problem erledigt.

Das, was den großen Künstler ausmacht, ist ein großer Wille, aber ein Wille, der gewollt wird, nicht der will.

Das geliebte Wesen ist immer der Docht in der Liebesflamme.

Eine Flaumfeder kann einen Kieselstein rundschleifen, sofern sie von der Hand der Liebe geführt wird.

Liebe ist Vorwegnahme des Endes im Anfang, daher Sieg über das Vergehen, über die Zeit, also über den Tod.

Ist der Dichter nicht ein Täter, den wir durchs Schlüsselloch belauschen?

Wer im Verkehr mit Menschen die Manieren einhält, lebt von den Zinsen. Wer sich über sie hinwegsetzt, greift sein Kapital an.

Wo der Wille erwacht, dort ist schon fast etwas erreicht.

Ich meine, ganz unrecht hat ein Publikum ja nie.

Geistreicher und schöner als Sprachkritik wäre ein Versuch, sich der Sprache auf magische Weise zu entwinden, wie es in der Liebe der Fall ist.

Reifer werden heißt, schärfer trennen und inniger verbinden.

Es gibt viel Trauriges in der Welt und viel Schönes. Manchmal scheint das Traurige mehr Gewalt zu haben, als man ertragen kann, dann stärkt sich indessen leise das Schöne und berührt wieder unsere Seele.

Menschen führen einander durch ihre Seelen wie Potemkin die Kaiserin Katharina durch Taurin.

Der Dialekt erlaubt keine eigene Sprache, aber eine eigene Stimme. Wahre Sprachliebe ist nicht möglich ohne Sprachverleugnung.

Das Ungeheuere des Lebens ist nuir durch Zutätigkeit erträglich zu machen; immer nur betrachtet, lähmt es.

Und in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied.

Der Adler kann nicht vom flachen Boden wegfliegen; er muß mühselig auf einen Fels oder Baumstumpf hüpfen: Von dort aber schwingt er sich zu den Sternen.

Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt des Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte.

Die Zeit hat keine Zeit zu warten, sie will erlöst werden.

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