Titoli Definizione

Johann Gottfried Seume

Aphorismen

Apokryphen
(1806/07)


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    Philosophisch bringt man die Menschen in die erbärmlichste Mystik und politisch in eiserne Despotie oder anarchischen Fanatism, wenn man sich über den gesunden Menschenverstand hinauswagt.

    Wer mehr als die allergewöhnlichsten Bedürfnisse des Lebens hat, hüte sich ja vor dem vertrauteren Umgange mit der Wahrheit! Überall muß man zufrieden sein, wenn sie nur geduldet wird.

    Wer nicht mit schlechten Menschen in Gesellschaft sein kann, ist noch zu wenig in der Welt gewesen.

    Wem aber ihre Gesellschaft völlig reine Unbefangenheit läßt oder gar Vergnügen gewährt, war zu viel in der Welt.

    Man lärmt so viel über die französische Revolution und ihre Gräuel. Sulla hat bei seinem Einzuge in Rom in einem Tage mehr gewütet, als in der ganzen Revolution geschehen ist.

    Von allen, die in der französischen Revolution umgekommen sind, zähle ich achtzig Teile Narren, neunzehn Teile Schurken und ungefähr den hundertsten Teil ehrliche verständige Leute. Die Proportion ist sehr liberal. Die Narren haben oft ein heroisches und weises Ansehen. Der Hagiograph sagt: »Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist!« Aber wenn die Kindheit des Königs dem Volke schadet, ist das Volk gewiß nicht erwachsen; und daß das Volk ewig Kind bleibe, ist doch gewiß Blasphemie.

    Die französische Revolution wird in der Weltgeschichte das Verdienst haben, zuerst Grundsätze der Vernunft in das öffentliche Staatsrecht getragen zu haben. Läßt man diese Grundsätze wieder sterben, so verdient jeder Weltteil seinen sublimierten Bonaparte.

    Bonapartes bisherige Laufhahn ist eine herrliche Lektion über das Fürstenwesen.

    So wie alle unsere Gesetze sehr kränklicher Vernunft sind, sind es vorzüglich die Strafgesetze. Die Strafe soll psychologisch zur Besserung berechnet sein und den Beleidiger am empfindlichsten Teile treffen. Aber hier sind die Gesetze fast überall und durchaus zum Vorteil der schlechten Reichen. Eine tätliche Beleidigung kostet zum Beispiel 5 Thlr. für jedermann. Darin liegt aber die ungerechteste Ungleichheit in dem Anschein der Gleichheit. Warum soll sie nicht einen bestimmten Teil, z.B. den fünfzigsten Teil des Vermögens kosten? Der geringste Beleidiger könnte dann nach einer niedrigsten Norm taxiert werden. Ein Millionär zahlt für eine Ohrfeige 5 Thlr. und ein Handwerksbursche 5 Thlr. Da hat denn gleich das Gesetz dem Geringeren eine Ohrfeige gegeben. Der Reiche hat dadurch in in eben dem Maße die Freiheit, Ohrfeigen zu geben, als er steuerfrei ist. Quae, qualis, quanta - insania! Die anscheinende Gleichheit ist hier die drückendste Iniquität. Ich habe 200000 Thlr.: mich muß also nach der Kriminalrechnung eine Beleidigung 50000 Thlr. kosten, die einen armen Handwerker von 400 Thlr. 100 kostet. Das wäre Gerechtigkeit; das andere ist Malversation. Der Arme leidet seine Strafe am Körper, der Reiche bezahlt sie; eine Inkonsequenz, die an Dummheit grenzt,als ob man die Verbrechen absichtlich vermehren wollte! Den Armen lasse man bezahlen, wenn er kann und will; den Reichen und Vornehmen strafe man am Körper! Das ist psychologisch und gut und gerecht. Qui non habet in aere, luat in corpore, schnarren die Kriminalisten in einer Stunde fünfzigmal unsinnig vom Katheder. Qui habet in aere, luat in corpore, sollte es vernünftigerweise heißen, und alle Geldstrafen sollten nach den Vermögensumständen der Beleidiger eingerichtet werden. Keine bestimmte Summe, sondern eine bestimmte Proportion; für die capite censos könnte ein Minimum gesetzt werden. Eine anscheinend gleiche Strafe für alle ist eine solche Ungleichheit, daß die Gesetze nur in praevaricationem et contumeliam justitiae et sanae rationis gemacht zu sein scheinen. In diesem Artikel ist auch Grotius konsequent und gesteht die Prosopolepsie der römischen und unserer Gesetze.

    Wenn ich die Menschen betrachte, möchte ich der Despotie verzeihen; und wenn ich die Despotie sehe, muß ich die Menschen beklagen. Es wäre eine schwere Frage, ob die Schlechtheit der Menschen die Despotie notwendig oder die Despotie die Menschen so schlecht macht.

    Ich kann nicht leugnen, ich habe zuweilen Furcht gehabt; aber die Furcht hat mich nie gehindert, auch mit Gefahr meines Lebens etwas zu tun, was ich mit Gründen wollte. Und dieses errungene Gefühl der bewußten gesammelten Stärke wird endlich zur größern Festigkeit als die natürliche Furchtlosigkeit.

    Was Grotius in seinem Buche vom Strafkriege sagt, hält keine Sonde. Es ist bloß Kautionszwang, die Malevolenz des Feindes außer Stand zu setzen, weiter zu schaden. Was er in seinem Strafkriege vom Stärkern und Schwächern fabelt, hält ebenso wenig Stich. Schon das Wort Krieg zeigt, daß die Parteien einander gleich sind. Wer sich ausgemacht für den Schwächern erkennt, führt keinen Krieg. Solange man Waffen hat und sie brauchen will, denkt man sich dem andern gleich an Kraft, zumal wenn man sich überlegen fühlt an Recht. Strafe heißt überhaupt weiter nichts als Ersatz für das Vergangene und Sicherstellung für das Künftige, auch im bürgerlichen Rechte. Die Todesstrafen im Staate sind das nämliche; die Moralität ist hier nicht die Hauptsache. Es läßt sich denken, daß einer moralisch eine Bürgerkrone verdient und gesetzlich gehenkt wird. Wir schaffen einen Menschen fort, weil er uns nach unsern Einrichtungen gefährlich ist und wir nicht verpflichtet sind, ihn nach seiner Weist auf unsere Kosten zu ernähren. Was Philanthropie und Liberalität rät, ist ganz verschieden von dem, was das strenge Recht mit Fug kann.

    Die Teokratie des Moses wäre allerdings eine schöne Erfindung, wenn immer ein gerechter, weiser Mann an der Spitze stände; sie gibt aber der Gaunerei zu viel Handhabe.

    Trotz meiner kalten Besinnung, mit der ich neulich in meiner Septuaginta die Bücher Moses durchlas, konnte ich mich eines warmen ehrfurchtsvollen Schauers nicht erwehren, als der Mann am Ende starb. Trotz aller Verirrung und Unheilbarkeit seines Systems bleibt er ein großer Geist für sein Volk und für den Menschenforscher. Moses, Christus und Mohamed waren wirklich große Heilande der Völker, jeder in seinem Kreist. Bonaparte hätte ein größerer werden können, aber er hat nicht gewollt. Er hatte zu viel Eitelkeit und Ehrgeiz und nicht Stolz genug. Doch wo die Sache nicht war, konnte das Gefühl nicht sein. Heilande der Welt müssen und werden noch kommen, die uns von der geistlichen und weltlichen Mystik befreien und uns unter die Ägide des gesunden Menschenverstandes retten. Ein jeder wirke dazu, weil sein Tag ist!

    Ich habe mir nie die Mühe genommen, das Glück zu suchen; dafür hat es sich oft, sehr oft die Mühe genommen, mich mutwillig zu necken, und dadurch bin ich endlich vollends gleichgültig dagegen geworden. Seit langer Zeit ist es mir ziemlich einerlei, ob ich Minister oder Bettelvogt bin, ob ich einen Diamantstern am Sammetrocke oder einen Flecken an der Teerjacke trage. Ich bin zuweilen ausgegangen, einen Bekannten zu besuchen und habe fünfe nach der Reihe nicht angetroffen; dafür nahm mir's der sechste übel, daß ich nicht gekommen war, ohne sich je um meine Klause bekümmert zu haben. Einst wollte ich einige Worte mit dem alten Weiße sprechen und erfahre in seiner Wohnung, er sei aufs Land gefahren. Ich gehe aufs Land und höre, er sei eben zurückgefahren, weil er etwas vergessen habe. Ich gehe in die Stadt und vernehme, er hat das Buch eingesteckt und sich wieder in den Wagen gesetzt. Meine Botschaft war mir wichtig, ich gehe also wieder hinaus auf sein Gut. Weiße war spazieren gegangen, und nach langem Suchen fand ich ihn endlich hinter dem Garten unter seiner alten Linde schlummern. Nun waren alle Neckereien des Glücks vergessen; ich setzte mich neben ihn, zog meinen Tacitus aus der Tasche und las, bis er erwachte.

    Freundliche Leute habe ich viele gefunden, aber Freunde sehr wenige. Einer will mir seinen Witz, der andere seine Gelehrsamkeit der Dritte seinen feinen Geschmack auftischen; einer will mich mit seinem Wein, der andere mit seinem schönen Zimmer, der dritte mit seinem großen Ansehen bewirten: keiner ist deswegen mein Freund, wenngleich jeder gern mein Patron sein wollte. Je mehr er mir Dukaten zufließen lassen will, desto weniger glaube ich an Freundschaft. Wenn er aber zuweilen freiwillig und uneingeladen mich bei meinem Heringssalat aufsucht ist die Präsumtion schon besser. Gut ist es, wenn er meine Wahrheit ohne Empfindlichkeit aufnimmt und mir die seinige ohne Schonung, aber mit reiner Unparteilichkeit sagt. Der beste Beweis ist, wenn seine Lieblingsleidenschaft angestoßen wird und er nicht scheu und empfindlich zurücktritt. Die Privilegien heben sogleich auch die Philanthropie auf. Denn wenn die Freundschaft auch ein Vorrecht zugestehen wollte, so kann die Freundschaft keins annehmen.

    Gewisse Despoten nennen strengere rechtliche, moralische Leute nur spöttisch Philanthropen. Die Bezeichnung ist für beide sehr passend.

    Wo die Menschen mit ihrer eigenen unbefangenen Vernunft sprechen, urteilen sie meistens ohne Tadel; wo sie aber unter einer Leidenschaft liegen oder an einer fremden Form ziehen, kommt selten etwas Gutes zum Vorschein.

    Wer als politischer Schriftsteller sein Glück machen will - vom Ruf ist nicht die Rede -, muß seiner Natur nach ein Chamäleon oder in seinem Betragen ein Ächsler sein, immer auf der Linie der kalten Rücksicht schreiten und in seiner Tiefe - nichts Reingutes Wurzel fassen lassen.

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