| Gottfried Keller |
| Zürcher Novellen, Bd. II, 1776 |
| Das Fähnlein der sieben Aufrechten |
Der alte Schneidermeister Hediger in Zürich, ein leidenschaftlich gern politisierender, patriotischer Schweizer mit vier schon erwachsenen Söhnen, liest gerade Zeitung, als sein jüngster und noch lediger Sohn Karl, angehender Beamter, hereinkommt und ihn bittet, ihm für das Rekrutenexerzieren seine Flinte zu leihen. Der prinzipienfeste Alte aber tut ihm den Gefallen nicht, weil der gutverdienende Sohn sich ein eigenes Gewehr kaufen soll. Die verständige Mutter aber kommt ihrem Sohn zuhilfe, indem sie dem Alten die Einladung zue "Siebenmännergesellschaft" mitteilt, was ihn zum sofortigen Aufbruch veranlasst. Nun kann sich Karl das Gewehr heimlich ausleihen.
Nach dem Exerzieren besteigt er ein Ruderboot und trifft er sich mit seiner spröden Geliebten Hermine Frymann, die ihm aber mitteilt, dass ihr Vater nichts von der Verbindung wissen will. Auch sie selbst wolle Karl erst in vier Wochen wieder treffen. Die sieben "Aufrechten", wie sie sich nennen, sind republikanisch gesinnte Handwerksmeister, die der gemeinsame Hass auf Aristokratie und Pfaffen vereint. Sie treffen sich zweimal in der Woche im Wirtshaus und politisieren. Die Wortführer sind der wohlhabende Zimmermeister Frymann und der bescheiden lebende Hediger. Heute beschließen sie, im kommenden Sommer zu Aarau als Fähnlein-tragende Gruppe beim eidgenössischen Freischießen einzumarschieren. Auch eine "stattliche Ehrengabe" soll gespendet werden, aber was? Darüber entsteht ein Heidenlärm, jeder hat einen Ladenhüter anzubieten, aber nach einer längeren Rede Frymanns - es wird überhaupt sehr gerne und lange und salbungsvoll geredet - wird beim anwesenden Silberrschmied ein Pokal in Auftrag gegeben. Jetzt aber bringt Frymann die Sache mit Karl und Hermine auf die Tagesordnung. Hediger will die VErbindung auch nicht, denn sie sollen "unabhängige, gute Freunde" bleiben, keine "Gegenschwäher". Am nächsten Mittagstisch gibt Hediger diesen Beschluss seiner Familie bekannt, worüber sich seine Frau recht lustig macht, denn was ist das für eine >Freundschaft<, und warum soll nicht ein Armer mit einer reichen Frau gesegnet werden? Meister Hediger dagegen sieht dies vom Prinzipiellen her: Mit dem Reichtum kommt der Eigennutz usw. In den nächsten Wochen sieht Karl seine Hermine nicht wieder, mausert sich stattdessen, zum Erstaunen seines Vaters, in der Rekruten- ausbildung zu einem guten Schützen. Zu seiner Stube gehört auch ein ehemaliger Buchbinder, der sich erfolgreich auf das windige Geschäft des Spekulierens mit Häusern verlegt und es mit mwenig Arbeit zu Geld und ansehen gebracht hat. Dabei ist er faul, dumm und prahlt damit , dass er "in Bälde eine reiche Frau zu nehmen gedächte, die Tochter des Zimmermeisters Frymann". Karl ficht das zunächst wenig an. Einige Tage später, es ist Sonnaben, kommt Hermine die Meistersfrau besuchen und lässt dabei beiläufig dem in der Kaserne befindlichen Karl mitteilen, dass sie desselben Abends wieder einmal mit dem boot unterwegs sei. Am Abend dann bestätigt Hermine, dass dieser Ruckstuhl hinter ihr her und ihr Vater dem nicht abgeneigt sei, weil er für seine Bauprojekte in Zürich einen geübten Spekulanten gut brauchen könne. Morgen wolle er zum Mittagstisch kommen. Hermine hat nun den Plan, dass Karl diesen Besuch verhindern könne, indem er Ruckstuhl zu einer Dummheit verleite, die ihn in den Arrest bringt. An diesem Abend stiftet Karl seine Stubenkameraden zu einem Trinkgelage an, in deren Verlauf Ruckstuhl und sein Jünger besoffen gemacht und von der Wache aufgegriffen werden. Am Sonntag wartete man bei Frymanns umsonst auf den Freier. Das Schützenfest von 1849 nahet heran, die Fahne und der Pokal sind fertig, aber wer soll die Rede halten? Da keiner möchte, fällt das Los auf Frymann, dieser ist aber von der Aufgabe völlig überfordert und bekommt nichts zusammen. Dadurch droht schon das Ganze zu scheitern, denn auch während des Festes fällt ihm nichts ein, da taucht unvermutet Karl auf und bietet dem niedergeschlagenen Fähnlein an, die Aufgabe zu übernehmn. Und tatsächlich, seine ziemlich lange Rede findet großen Anklang und schon haben auch die beiden Alten wieder zu ihrer Sprache gefunden und geben ihm ausführlich Ratschläge, wie er mit seiner Rednergabe umzugehen habe. Aber seine Tochter will Frymann nicht hergeben. Während die Alten das bunte Festtreiben glücklich um sich herum tosen lassen, schießt Karl, begleitet und seelisch gestärkt von Hermine, einen wertvollen Pokal, den er sogleich dem stolzen Fähnlein widmet. Aber schon kommt die nächste Prüfung: Er muss mit einem aufdringlichen, bärenstarken, aber einfältigen Senner Fingerhakeln und zieht diesen über den Tisch. Da endlich wandelt sich der Alten Sinn und das Paar darf heiraten. Und alles nimmt ein glückliches Ende unter dem freien, blauen Schweizerhimmel.
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