Stop #11 – 2010: Der Beginn der Gegenwart

Noch vor wenigen Jahren reichte der Gletscher bis zu diesem Punkt, wie die Markierungen auf einem Felsblock belegen, die von Glaziologen angebracht wurden.


Wir befinden uns in der Nähe der glaziologischen Markierung (ein rotes Dreieck), die 2010 von Mitarbeitenden des Lombardischen Glaziologischen Dienstes (SGL) auf dem großen rostfarbenen Felsblock angebracht wurde. Diese Markierung dient der Messung der Frontverlagerung des Forni-Gletschers. Mit dem Begriff „Frontverlagerung“ ist die jährliche Veränderung der Gletscherlänge gemeint, die anhand der Entfernung zwischen der Gletscherzunge (gemessen in konstanter Richtung) und einem festen Punkt außerhalb des Gletschers – typischerweise ein Felsvorsprung oder großer Felsblock – bestimmt wird. Vergrößert sich die Entfernung zwischen Markierung und Gletscher, bedeutet dies, dass sich der Gletscher zurückzieht. Verringert sich die Entfernung, spricht man von einem Vorstoß.

Im Jahr 2010 betrug die Entfernung zwischen der Gletscherzunge und der SGL-Markierung 57 Meter. Seitdem hat sich der Gletscher stark verändert: Der untere Teil der Zunge ist zunehmend abgeschmolzen, und die Oberflächengeschwindigkeit hat infolge negativer Massenbilanzen der vorangegangenen Jahrzehnte stetig abgenommen.

Seit jenem Jahr treten auf der Gletscheroberfläche zunehmend kreisförmige oder halbkreisförmige Vertiefungen auf, die durch eine weit verbreitete Rissbildung (Ringrisse) entstehen. Häufige Einstürze haben den Gletscherkörper rasch destabilisiert und große Bereiche von Tot- oder Alteis abgetrennt.

2010 war das westliche Becken noch durch einen schmalen Eisstreifen mit der Gletscherzunge verbunden, der jedoch keine Dynamik mehr aufwies. Die endgültige Abtrennung erfolgte 2014, wobei in den oberen Bereichen noch Verbindungen zum zentralen Gletscherarm erhalten blieben. 2016 trennte sich auch das östliche Becken vollständig vom restlichen Gletscherkörper, sodass drei eigenständige Einheiten entstanden.

Seit 2016 wird die Gletscherzunge nur noch vom zentralen Eisstrom gespeist und hat ihre Dynamik vollständig verloren. Sie ist heute eine Eisfläche, die buchstäblich an Ort und Stelle kollabiert. Dies zeigt sich an der zunehmenden Zahl großer Kessel und Gletscherdolinen auf der Oberfläche sowie an Eistunneln und -höhlen im Frontbereich und an den Seiten, begleitet vom Zerfall großer Bereiche toten Eises.

Auch die höheren Gletscherbereiche sind vom Rückzug betroffen: Immer größere Felsflächen werden freigelegt, die ohne die stützende Eisbedeckung rasch verwittern und große Mengen an Schutt produzieren, der die verbliebenen Gletscherteile bedeckt. Dadurch sammelt sich immer mehr Gesteinsschutt am Fuß der umliegenden Felswände.

Der Materialtransport erfolgt nicht nur durch Einstürze oder Abrollen, sondern zunehmend auch durch Schutt- und Wasserströme infolge intensiver Regenfälle. Auch Lawinen spielen eine wichtige Rolle beim Transport von Gestein und Geröll. Das gesamte feine und grobe Material sammelt sich – auch durch die Bewegung des Gletschers – vor allem auf der Gletscherzunge, die heute in vielen Bereichen vollständig bedeckt ist (debris-covered ice).

Hinweis: Was sind ein Kessel und eine Gletscherdoline?

Dabei handelt es sich um epigletscherliche Hohlformen, die sich auf der relativ flachen Ablationszunge großer, sich zurückziehender Gletscher bilden. Sie entstehen stets in Verbindung mit subglazialen Schmelzwasserläufen und werden durch ausgeprägte kreisförmige Rissbildung (Ringrisse) eingeleitet.

Abb.1: Gletscherzunge im Jahr 2010 (Foto G. Cola – 19. September 2010).
Abb.2: Gletscherzunge im Jahr 2010 (Foto: G. Cola – 19. September 2010).
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