Auf den ersten Blick erscheinen Gletscher wie trostlose, leblos wirkende Eisflächen. In Wirklichkeit sind sie reiche, komplexe und überraschend lebendige Ökosysteme.
Drei Welten in einer
Gletscher beherbergen drei unterschiedliche Lebensräume:
– Supraglazialer Lebensraum: die Oberfläche des Eises, wo Licht und saisonales Schmelzwasser das Leben von Algen, Cyanobakterien und winzigen Gliederfüßern ermöglichen. Hier findet sich die größte Biodiversität.
– Endoglazialer Lebensraum: im Inneren des Eises, wo mikrobielle Gemeinschaften in winzigen Wasserblasen leben, die im Eis eingeschlossen sind.
– Subglazialer Lebensraum: an der Basis des Gletschers, wo sich das Leben an Dunkelheit und Druck anpasst und sich von chemischen Verbindungen im Gestein ernährt.
Ein reiches und komplexes Mikrokosmos
Auf der Gletscheroberfläche entwickeln sich winzige Nahrungsketten: Cyanobakterien und Algen produzieren durch Photosynthese organisches Material; kleine Gliederfüßer wie Springschwänze ernähren sich von mikrobiellen Rückständen; Räuber wie Käfer und Spinnen schließen die Nahrungskette ab. Diese Gemeinschaften, die mit modernen genomischen und umweltanalytischen Methoden untersucht werden, unterscheiden sich selbst zwischen benachbarten Gletschern, was auf eine hohe globale Biodiversität hinweist. Einige Arten sind sogar endemisch, d. h. sie kommen nur auf einzelnen Gletschern vor.




Abb.1: Beispiele von Organismen, die im Forni-Gletscher leben
Ein Archiv der Vergangenheit… und eine unerwartete Ressource
Gletscher reichern im Laufe der Zeit auch atmosphärische Schadstoffe an, die im Eis konserviert werden. Beim Schmelzen der Gletscher können diese Schadstoffe in die Tiefe gelangen. Einige Gletschermikroorganismen scheinen jedoch in der Lage zu sein, diese Schadstoffe abzubauen, was sie zu einer biotechnologischen Ressource mit großem Potenzial macht.


Ein verschwindender Schatz
Diese Biodiversität ist durch den raschen Rückzug der Gletscher infolge steigender globaler Temperaturen bedroht. Viele Arten sind vom Aussterben bedroht, bevor sie überhaupt entdeckt werden. Das Leben in Gletschern zu verstehen, ist nicht nur eine wissenschaftliche Herausforderung, sondern ein Wettlauf gegen die Zeit.
